Ein Jahr unseres Lebens widmeten wir einem sozialen oder ökologischen Projekt. Statt Gegenleistungen zu erwarten: Helfen des Helfens willen. Mit der Hoffnung, dass der Dienst eine Bereicherung ist, nährend und sinnvoll für beide Seiten.

Wir schenkten unsere Zeit aus einer Mischung von Selbstlosigkeit, Abenteuerlust und dem Wunsch zu Helfen und zu Lernen. 

Worauf wir uns da aber konkret eingelassen hatten, war uns damals mit der Zusage noch nicht bewusst. Ohne Ahnung, was da auf uns zukommen würde, aber mit einigen Vorstellungen und Erwartungen waren wir ins kalte Wasser gesprungen.

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Jedes Projekt ist verschieden. Somit auch die Anforderungen und Herausforderungen. Die Probleme und die Erfolgserlebnisse. Genau, wie die Projekte ganz unterschiedlich sind, ist auch das Jahr des Freiwilligendienstes für jeden verschieden. Es gibt kein genormtes Format, kein Standard.

Einige Erfahrungen ähneln sich jedoch. Manchmal finden wir uns in den Erzählungen der Mitfreiwilligen wieder.

Diese Erzählungen sind meistens keine Ponnyhofgeschichten, sondern erzählen von Höhen und Tiefen, von Schönem und Traurigem, auch von Problemen und den Versuchen sie zu lösen.

Manchmal war es frustrierend, wenn wir das Gefühl hatten unsere Energie nicht in sinnvolle Projekte einbringen zu können oder wenn, unser ganzer Aufwand umsonst erschien. Nichts ist demotivierender, als voller Tatendrang in ein Projekt zu kommen, in dem man das Gefühl hat eigentlich nicht gebraucht zu werden. Oder ganz im Gegenteil – so viel zu machen und kaum Dankbarkeit und Anerkennung dafür zu bekommen.

Manchmal waren wir unzufrieden. Denn wir wollten immer noch mehr erreichen und verändern, verbessern, unterstützen. Mit dem Gefühl wir hätten noch mehr machen können.

Oft sehen wir aber selbst nicht, was wir in unserem Umfeld oder auch zu Hause bewirken.

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Es geht nicht um das spezifische Projekt, sondern um das Engagement insgesamt. In Wirklichkeit ist die Art und Weise wichtiger, wie wir es tun und nicht was wir tun. Wenn wir Freude ausstrahlen, kommt sie zurück und vervielfältigt sich. Wir tun so viel mehr, als das wir uns darüber bewusst sind.

Allein die Zeit, die wir widmen, ist ein großes Geschenk. Inspirierend für die Menschen um uns herum.

Die Neugierde mit der wir in das – für uns anfangs neue – Land kommen und alles entdecken, lässt auch die Menschen ihre Heimat durch andere Augen sehen. Unsere Fragen. Unser Unverständnis.

So auch ihre Fragen. Ihr Unverständnis. Du verrichtest für ein Jahr lang eine Arbeit, für du keinen bzw. kaum geldlichen Lohn bekommst? Wozu?

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Freiwilligendienst ist keine Arbeit, wenn du Arbeit als Tätigkeit definierst, die du machen musst, um über die Runden zu kommen. Es ist mehr ein Dienen im großen Sinne für die Menschen oder die Natur. Ein Statement, nach dem Motto: Es ist mir nicht egal, was passiert in unserer Welt. Ich will etwas tun.

Aber egal, wie viel wir letztendlich erreicht haben in dem Jahr oder auch nicht, es ist immer ein Jahr des persönlichen Wachstums und Lernens im besten Klassenraum der Welt: im wahren Leben.

In der Zeit, während der sich unser gesamter Besitz auf den Inhalt eines Rucksacks beschränkt hat, erfuhren wir, dass Glück nicht vom materiellen Besitz bestimmt ist.

Wie viel Haben braucht das Sein?

Wir lernten unseren Lebensstandard herunter zu schrauben und, dass man trotzdem gut leben kann. Konzepte, die hinter den Begriffen, wie „Dritte Welt“ und „Entwicklungsländer“ stehen, können wir nicht mehr ohne zu hinterfragen verwenden. Entwicklung wohin? Was bedeutet das?

Was passiert, wenn die Menschen des globalen Südens so denken, handeln und konsumieren, würden, wie wir?

Wir sahen die Verstrickungen von Konsum und  der Zerstörung der Natur. Ananas, Bananen, Kaffee und Co. können wir nicht mehr unbedacht in den Warenkorb legen, ohne an die Situation der Arbeiter und die Umweltverschmutzung durch die Plantagen denken zu müssen.

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Ananasplantage bei San Carlos, 2011

Kann ein Leben mehr wert sein, als ein anderes?

Wir spürten, wie es ist sich “weiß“ zu fühlen, anders behandelt zu werden auf Grund der Herkunft und des Aussehens. Plötzlich waren wir die Fremden.

Wir tauchten in eine andere Kultur ein. Das bedeutet, offen, neugierig, flexibel und vor allem geduldig zu sein, da so vieles ganz neu ist und wir nicht alles verstehen können. Eine andere Lebensweise entdeckten wir dabei und sahen: Es gibt nicht nur den einen Weg, den wir schon kennen.

Wir wurden Teil dieser Andersartigkeit. Lernten uns in einer fremden Welt zu Recht zu finden und uns Eigenschaften dieser anderen Lebensart anzueignen. Auch, wenn wir immer die, von außen sein werden.

Außerhalb unserer Komfortzone lernten wir zu tanzen. Trotz der Sprachbarriere, die uns manchmal zu lähmen schien.

Der Antrieb dafür heißt Mut. Wir selbst würden das vielleicht gar nicht bemerken oder uns eingestehen, wenn da nicht die Lieben aus der Heimat wären, die uns dies spiegeln.

Mut für das Loslassen. Mut für das Losgehen.

Wir stürzten uns ins Ungewisse, ohne einen Schimmer, was uns da außerhalb unseres sicheren Hafens erwarten würde. Mit dem Loslassen des Bekannten und dem Geschenk bekommen der neuen Erfahrungen und Begegnungen, erlangten wir die Gewissheit, dass -egal, welche neuen Ufer wir entdecken- wir Freundschaften knüpfen und Gutes erleben werden.

Zurück im Heimatland, wird uns einiges auffallen, das uns vorher ganz „normal“ und „alltäglich“ erschien. Kleinigkeiten, die uns während des Jahres gefehlt haben, bekommen einen größeren Wert. Die Selbstverständlichkeit wird in Frage gestellt.

Unser eigener Kulturkreis wird für uns erfahrbarer, weil wir etwas zum Vergleich heran ziehen können. Doch es geht nicht ums Werten, sondern um das Verstehen, dass es kein„besser und schlechter“ oder „richtig und falsch“ gibt. Nur anders.

Alle Erfahrungen sind ein Schatz, vielleicht der größte vom ganzen Freiwilligendienst. Sie werden uns, nach der Rückkehr das Heimatland und Zusammenhänge in der Welt mit anderen Augen sehen lassen.

Die veränderte Sicht verändert unsere Verhaltensweisen. Und unser Verhalten verändert die Welt.

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